Herkunft und Anfänge der Burgherren von Gars im 12.Jahrhundert

Seit Markgraf Leopold II. regierte kein babenbergischer Markgraf mehr längerfristig in Gars. Nachdem Markgraf Leopold III., der zuvor mit seinem Gefolge in Gars und Tulln anzutreffen war, um 1114 seine Residenz nach Klosterneuburg verlegte, wurde die Burg notwendigerweise an einen Burggrafen übergeben, der eine Art Verwaltungstätigkeit ausübte.
Im Jahre 1114 trat erstmals ein Erchenbert als Burggraf auf. Er wurde in einer Klosterneuburger Tradition "Gorzensis castellanus" genannt und übergab in Gegenwart des Markgrafen Leopold III. mit Zustimmung eines Verwandten namens "Hosiricus" die "villa Weilandi" mit zehn Hörigen dem Stift Klosterneuburg. Interessant ist, dass man dem Garser Burggrafen Erchenbert also erstmals gemeinsam mit dem Babenberger Markgrafen Leopold III. begegnet.
Etwa zur gleichen Zeit übergab Erchenbert auch ein Gut in Eggenburg mit dem Pächter Sigbero an das Stift Klosterneuburg. Die Schenkung wurde um 1170/80 durch die Söhne Erchenberts erneuert und die erhaltene Tradition ist aus mehreren Gründen sehr wertvoll, denn sie gibt Einblick in die frühe Geschichte der Garser Burggrafen. Sie zeigt wiederum die politische Nähe der Garser Burgherren zu den Babenbergern, weiters gibt sie Einblick in die Besitzstruktur der Burgherren. Interessant ist auch die Nennung der beiden Söhne Erchenberts I., Erchenbert und Wolfker.
Notum sit tam presentibus quam futuris quod Erchenbertus senior castellanus de Gorse quoddam predium Egenburch situm et quendam seruum suum nomine Sigberonem qui prefato predio inbeneficiatus erat. delegauit. super altare Sancte Marie Niwenburch. ea conditione ut idem seruus pro obtenu eiusdem beneficii. censum a Niwenburgensi cenobio persoluendum Romane ecclesie Roman deferret: uel spadonem accommodaret: Quam delegationem predicti Erchenberti filii. Erchenbertus et Wolfgerus renouauerunt nobis infinuantes quod prefati Sigberonis heredes ex patre eo defuncto dimidium talentum pro obtentu ipsius beneficii singulis annis persoluere. deberent. Huius renouationis testes subscripti sunt. Heinricus de Pochperc et filius eius Hugo. Ortholfus de Iedoflsperge. Haidenricus. et Otto filii Wofgeri de Egenburch. Chonrath de Ratlinsprun et frater eius Sigifridus. Eberhardus de Puigen. Algoz frater Sigberonis. Erchenbertvs filius Erchenberti iunioris castellani de Gors.

Aus dieser Nachricht ist auch der enge Konnex von Gars und Eggenburg ersichtlich. Ein Sohn des alten Burggrafen Erchenbert saß in Gars, der andere Sohn Wolfker in Eggenburg. Auch in der Wahl des Pfarrortes zeigte sich dieser Dualismus der landesfürstlichen Zentren - im 12. Jahrhundert war Gars Pfarrort, ab dem 13. Jahrhundert Eggenburg.

Ob Erchenbert der erste Garser Burggraf war, kann nicht geklärt werden, jedoch kann es nicht viele Vorgänger gegeben haben. Auch die Herkunft Erchenberts ist nicht eindeutig zu klären. Die Annahme Lechners, dass eine direkte Abstammung der Garser Burggrafen von den Kuenringern gegeben ist, kann nicht mehr vertreten werden. Die Kuenringer und die Garser bildeten wohl eine Familie, jedoch ohne direkte Abstammung. Erchenbert wird in einer Klosterneuburger Tradition als Zeuge und als Bruder des Nizo genannt. Setzt man nun Erchenbert mit dem Burggrafen von Gars und Nizo mit dem Vater des Hadmar und dem Gründer von Zwettl gleich, so zeigt sich die verwandtschaftliche Beziehung. Die Familie des Nizo scheint etwas unterhalb der markgräflich-babenbergischen Burg eine neue Burg errichtet zu haben - die Burg Thunau, deren Reste heute noch als "Ruine Schimmelsprung" erhalten sind.
Die Familie des Garser Burggrafen und die Familie der Kuenringer traten ab etwa 1170 oft gemeinsam in Quellen auf, was deren Bindung zeigt.
Erchenbert, der erste namentlich bekannte Burggraf von Gars, dürfte um das Jahr 1130 gestorben sein, denn um dieses Jahr gab seine Frau Erelindis ihren gesamten Besitz in Eggenburg an Klosterneuburg.
Ursprünglich war die Burghut von Gars nur ein Amtslehen, doch der Einfluss der Markgrafen dürfte sehr schnell geschwunden sein. Auf der anderen Seite festigte sich die Stellung der Garser Burggrafen und Burg und Herrschaft Gars wurden bald als erblicher Ministerialenbesitz der Burggrafen betrachtet. Die Burghut wurde somit erblich, was die direkte Nachfolge von Erchenbert II., dem Sohn Erchenberts I., zeigt. Die Garser Burggrafen konnten, so scheint es, weitgehend unabhängig vom Herzog agieren und die Burgherrenfamilie zählte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu den wichtigsten und einflussreichsten Ministerialen des babenbergischen Herzogs. In religiösen Belangen orientierten sich die Garser Burgherren nun vor allem nach Zwettl.
Die Garser Burggrafschaft erstreckte sich nicht nur auf die engere Gegend um Gars, die Burgherren hatten auch Besitztümer und Rechte in Eggenburg, wie Schenkungen zeigen. Diese Zusammengehörigkeit von Gars und Eggenburg zeigte sich ebenfalls in der Pfarrorganisation. Im 12. Jahrhundert wurde dieser Dualismus verstärkt, denn die Söhne Erchenberts I., Erchenbert II. und Wolfker teilten anscheinend das väterliche Erbe und Wolfker nannte sich von nun an nach Eggenburg, Erchenbert II. jedoch weiterhin nach Gars. Der zweite Garser Burggraf Erchenbert II. dürfte auch eine Schwester gehabt haben, die den Ministerialen Heinrich von Buchberg ehelichte. Erchenbert II. hatte einen Sohn, Erchenbert III., welcher allerdings nur ein einziges Mal in der Klosterneuburger Tradition aus den siebziger beziehungsweise achtziger Jahren des 12. Jahrhunderts erwähnt wird. Aufgrund seiner Stellung in der Zeugenreihe dürfte Erchenbert III. jedoch noch ein Kind gewesen sein. Als Erchenbert II. für sich, seine Frau und seinen Sohn das Begräbnisrecht in Zwettl sicherte, war Erchenbert III. wahrscheinlich schon tot, spätestens 1175/76 war er aber bereits sicher tot, da Erchenbert II. in diesem Jahr nur mehr für das Seelenheil seiner Frau Adelheid und seiner Tochter Gisela sowie eines ungenannten Sohnes mehrere Güter in Ziersdorf dem Stift Zwettl schenkte. Erchenbert II. heiratete nach dem Tod seiner ersten Gemahlin Adelheid, die um 1175/76 gestorben war, eine Frau namens Froiza.
Wie Erchenbert II. dürfte auch sein Bruder Wolfker um 1180 verstorben sein, denn 1183 gaben seine Söhne Heidenreich und Otto aus Anlass seines Todes vier Lehen in Eggenburg an das Stift Klosterneuburg. Der zweite namentlich bekannte Burggraf von Gars, Erchenbert II., verstarb ohne einen männlichen Nachkommen. Die Burggrafschaft fiel nun an die nächsten Verwandten, auf die Söhne Heinrich, Heidenreich und Otto seines Bruders Wolfker von Eggenburg.
Dritter Burggraf von Gars und Nachfolger Erchenberts II. wurde sein Neffe Heidenreich, der sich zunächst wie sein Vater Wolfker nach Schachsberg nannte, etwas später bereits nach Gars. Heidenreich gilt als der Gründer von Heidenreichstein und dürfte nach der Übernahme der Garser Burgherrschaft die väterlichen Besitzungen seinem Bruder Otto abgetreten haben, der die Burg Heidenreichstein erbaute.

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