Die Bedeutung der Burg Gars zur Babenbergerzeit

Die Geschichte von Gars ist im 11. Jahrhundert sicherlich mit jener der Markgrafen aus dem Hause Babenberg eng verbunden. Lange Zeit wurde allerdings angenommen, dass bereits die Befestigungsanlage auf dem Schanzberg von den Babenbergern 1041 zerstört wurde. Diese Annahme erwies sich als falsch, denn die gemeinsame Geschichte von Gars und den Babenbergern setzte erst unter Markgraf Leopold II. ein. Die Babenberger errichteten eine eigene Burg auf dem Garser Schlossberg, die jedoch nur kurze Zeit von ihnen bewohnt wurde und schon bald an Burggrafen übergeben wurde.
Mit einer babenbergischen Anwesenheit kann in Gars jedoch schon früher gerechnet werden, denn schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts trafen Markgraf Adalbert und Bischof Berengar eine Übereinkunft, die die Zehentabgaben betraf. Die Nachricht dieser Übereinkunft wurde in einer Urkunde, die über die Weihe der Burgkapelle berichtet, überliefert. Als babenbergische Residenz kann Gars allerdings erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts betrachtet werden, wobei die näheren Umstände dieser Fußfassung nur vermutet werden können. Das Vorrücken der Residenz der Markgrafen von Pöchlarn nach Melk, nach Gars und später nach Tulln, Klosterneuburg und Wien zeigt deutlich die schrittweise Ausdehnung der Mark.
Die Burg Gars kann als eine der Residenzen des Markgrafen Leopold II. (1050 - 1095), des Schönen, bezeichnet werden, dessen Amtszeit vollständig vom Investiturstreit überschattet war. Gerade dieser Platz war zur damaligen Zeit strategisch wichtig zur Sicherung der Grenze gegen Mähren, allerdings kann der genaue Zeitpunkt, an dem Leopold II. sich in Gars niederließ, nur vermutet werden. Einen gewissen Anhaltspunkt bietet hierbei die Übergabe seiner früheren Burg in Melk an die Benediktiner im Jahre 1089.
Leopold II. schloss sich im Investiturstreit Papst Gregor VII. an und geriet so in Gegensatz zum Kaiser, denn dieser setzte Leopold II. ab und belehnte den Böhmenherzog mit der Mark. Nach der verlorenen Schlacht Leopolds II. gegen die Böhmen bei Mailberg im Jahre 1082 soll sich Leopold II. in die Burg Gars gerettet haben. Nachdem er sich mit Kaiser Heinrich IV. versöhnt hatte und nicht mehr unter päpstlichem Druck stand, gewährte Leopold II. dem verjagten Bischof Altmann von Passau Aysl und übergab auf seine Bitte das Feste Haus der Babenberger in Melk an den Orden der Benediktiner. Markgraf Leopold II. soll nun in Gars residiert haben, sich jedoch auch ein weiteres Zentrum in Tulln eingerichtet haben. Eine Vermutung ist, dass in Gars auch der Sohn des Markgrafen und dessen Frau Itha von Formbach-Ratelnberg, Leopold III. geboren worden ist.
Leopold II. verstarb im Jahre 1095. Die Fragen, wo er verstorben ist und wo er begraben wurde, können nicht eindeutig beantwortet werden - in diesem Zusammenhang ist auf die viel diskutierte Urkunde über die Weihe der Burgkapelle zu verweisen, die lange Zeit als Beweis für eine Begräbnisstätte in der Burgkapelle in Gars angeführt wurde. Diese Notiz ist zwar ein Beleg für die Anwesenheit Leopolds II. in Gars, beweist jedoch nicht den Begräbnisort des Markgrafen in Gars. Lange Zeit vermutete man, dass Leopold II. auf seiner Burg in Gars verstarb und in der Burgkapelle beigesetzt wurde, allerdings konnte sein Grab nicht gefunden werden. Falls Leopold II. tatsächlich in Gars verstorben sein sollte, wäre eine Überführung in ein Hauskloster nahe liegend, denn dort konnte für das Seelenheil sicher besser gesorgt werden als in einer Burgkapelle. Auch Brunner nahm an, dass Leopold II. in Melk begraben wurde. Doch die Gebeine des Markgrafen konnten bei der Öffnung der Babenbergergruft in Melk nicht identifiziert werden.

Leopold II. wurde im Fürstenbuch Jan Enikels in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erwähnt, in welchem Gars als Residenz des Babenbergers beschrieben wurde:

ORIGINAL ÜBERSETZUNG
Marcgraf Liupold der wol gemout Markgraf Leupold war auch wohlgemut,
der saz auch vil offenbâr der saß auch viel offenbar,
ûf einer guoten bürge zwâr auf einer guten Burg fürwahr.
diu was Gors genant Die war Gars genannt,
als si noch hiut ist bekannt. wie sie noch heute ist bekannt.
Si lît bî einem wazzer schônd Sie liegt bei einem Wasser schön,
daz hât einen süezen dôn: das hat ein süß' Getön:
daz wazzer ist der Champ genant, Das Wasser ist der Kamp genannt,
als manic man ez vliezund vant wie mancher Mann es fließend fand,
ze tal in Ôsterrîche, zu Tal in Österreich,
daz wizzet sicherlîche. das wisset allzu gleich.

Leopold II. verstarb im Jahre 1095 und nun trat sein Sohn Leopold III. (um 1075-1136), der den Beinamen "der Heilige" trägt, die Regentschaft an. Dieser wurde vermutlich auf der Burg Gars geboren. Eine andere Vermutung ist, dass Leopold III. in Melk geboren wurde und dort seine Kindheit verbrachte, wenn man annimmt, dass Markgraf Leopold II. erst nach 1089 seine Residenz nach Gars verlegte. Markgraf Leopold III. wählte Klosterneuburg als seine Hauptresidenz, wo neben seiner Eigenkirche ein Residenzbau entstand. Die Verlegung der Residenz dorthin erfolgte um 1113, zuvor saß der Markgraf in Gars und Tulln. Da Leopold III. bereits 1095 die Regentschaft übernahm, ist anzunehmen, dass er sich zeitweilig auch in Gars aufhielt. Da jedoch erst im Jahre 1114 ein Burggraf genannt wird, wäre eine Vermutung, dass Leopold III. bis zu diesem Zeitpunkt selbst die Herrschaft führte und erst nach seiner Übersiedelung nach Klosterneuburg einen Kastellan einsetzte. Dem ersten urkundlich genannten Burggrafen Erchenbert begegnet man erstmals gemeinsam mit Markgraf Leopold III., als dieser eine Schenkung an Klosterneuburg tätigte. Ob dieser Erchenbert der erste Burggraf von Gars war, kann nicht festgestellt werden. Auch konnte die Frage, ob Erchenbert bereits in der Burg Gars oder noch am Tabor lebte, nicht geklärt werden. Falls der Tabor Sitz der Burggrafen von Gars war, könnte angenommen werden, dass Erchenbert vielleicht nicht der erste Burggraf gewesen sein könnte, denn die Entstehung des Tabors ist möglicherweise noch in das 11. Jahrhundert zu datieren.
Unter Leopold II. konnte Gars nicht als Gerichtsort nachgewiesen werden, jedoch unter Leopold III. Dieser hielt um 1120 eine Versammlung bei Gars ab - "Marchio autem in conventu apud castrum Gors habito…" -, wo man den Streit um die Güter Waldos von Grie-Ranna entschied. Man trachtete, den Streit "vor Ort" zu bereinigen und wählte aus diesem Grund Gars als Taidingsort. Als Zeugen der Versammlung bei der Pfalz Gars dienten der steirische Markgraf Ottokar, Graf Gebhard von Poigen sowie zahlreiche weitere Dienstleute. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass dieser Versammlung auf der Burg Gars der Garser Burggraf Erchenbert, der zu diesem Zeitpunkt schon längst Kastellan der Burg war, wahrscheinlich nicht beiwohnte. Burggraf Erchenbert dürfte bei der Versammlung vielleicht anwesend gewesen sein, trug allerdings nicht zur Rechtsfindung bei, sonst wäre er in der Zeugenreihe angeführt.
Im Jahre 1135 verzichtete Markgraf Leopold III. in einem Ausgleich mit Bischof Reginmar von Passau neben anderen Pfarrzehenten auch auf die bisher inne gehabten Zehente der Pfarre Gars, die er dem Bischof übergab und die dem Stift Klosterneuburg zurückgestellt wurden.
Die Verlegung der Hauptresidenz des Markgrafen nach Klosterneuburg zeigt deutlich die Ausdehnung der Mark in Richtung Osten. Die eingesetzten Burggrafen finden sich in den Quellen in nächster Nähe zu Markgraf Leopold III. und zum Stift Klosterneuburg. Die Burggrafen erhielten Gars zunächst als Burghut, auf deren Basis sich in der Folge der Emanzipationsprozess von den Babenbergern vollzog.

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